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Nordfjord
Westnorwegens 106-Kilometer-Fjord mit Gletschern und Seen

Nordfjord

14 Min. Lesezeit

Der Nordfjord ist nicht so bekannt wie der Sognefjord oder der Geirangerfjord, und genau darin liegt sein Vorteil. Als ich zum ersten Mal nach Loen fuhr und den Lovatnet sah, diesen See mit seinem unwirklich türkisen Wasser, umgeben von steilen Bergen und Gletscherzungen, war mir klar: Dieser Fjord gehört zu den unterschätzten Schätzen Westnorwegens.

106 Kilometer lang erstreckt sich der Nordfjord von der Küste bei Florø bis ins Landesinnere bei Stryn und Loen. An seinem Hinterland liegt der Jostedalsbreen, Europas größter Festlandgletscher, dessen Ausläufer fast bis zum Wasser reichen. Die Region bietet eine Dichte an Naturerlebnissen, die man so kompakt selten findet: Gletscherwanderungen, türkisfarbene Seen, ein Sommerskigebiet, eine moderne Seilbahn und Fjordlandschaften, die sich mit jedem Kilometer verändern.

Der Nordfjord im Überblick

Der Nordfjord liegt im nördlichen Teil des Bezirks Vestland (früher Sogn og Fjordane) und gehört zu den Gemeinden Stad, Gloppen und Stryn. Rund 30.000 Menschen leben in der Region, verteilt auf Orte wie Nordfjordeid, Sandane, Olden und Stryn. Der Fjord selbst ist an der breitesten Stelle etwa 5 Kilometer weit und an der Mündung bei Bremanger offen zum Meer.

Im Gegensatz zu den engeren Fjorden Westnorwegens hat der Nordfjord ein offeneres Profil. Die Berge sind zwar hoch (bis 1.800 Meter), aber die Ufer sind weniger steil, und es gibt mehr Platz für Landwirtschaft und Siedlungen. Am Fjordufer wachsen Obst und Gemüse, und die Bauernhöfe reichen hier weiter hinauf als in vielen anderen Fjordregionen.

Blick über den Nordfjord mit Bergen und dem Jostedalsbreen im Hintergrund
Der Nordfjord: 106 Kilometer lang, im Hintergrund der Jostedalsbreen (KI-generiert)

Die Geschichte der Region ist eng mit dem Gletscher verbunden. Der Jostedalsbreen formte das Tal, und sein Schmelzwasser speist die Seen und Flüsse. Im 19. Jahrhundert kamen die ersten Touristen, angelockt von den Gletschern und der Landschaft. Kaiser Wilhelm II. besuchte die Region regelmäßig und ankerte mit seiner Yacht im Nordfjord. Auch der britische Adel entdeckte die Gegend für sich, und einige der historischen Hotels stammen aus dieser Epoche.

Loen Skylift und der Lovatnet-See

Der Loen Skylift, eröffnet 2017, bringt Besucher in nur 5 Minuten vom Fjordufer auf den Gipfel des Hoven (1.011 Meter). Die Gondeln fassen bis zu 40 Personen und überwinden dabei über 1.000 Höhenmeter, was den Skylift zu einer der steilsten Seilbahnen Europas macht. Oben angekommen hat man einen Rundblick über den Nordfjord, den Jostedalsbreen und die umliegenden Berge.

Auf dem Gipfel gibt es ein Restaurant (Hoven Restaurant), das regionale Küche mit Panoramablick verbindet. Im Sommer starten von hier aus Wanderungen über die Bergkämme, im Winter kann man Schneeschuhwanderungen machen. Die Seilbahn kostet etwa 590 NOK für Erwachsene (Hin- und Rückfahrt, Stand 2025). In der Hochsaison sollte man Tickets online vorbuchen.

Wenige Kilometer von der Talstation entfernt liegt der Lovatnet, ein Gletschersee mit einer Wasserfarbe, die je nach Licht zwischen Türkis, Smaragd und hellem Blau wechselt. Die Farbe entsteht durch fein gemahlenes Gesteinsmehl, das die Gletscher abtragen und in den See spülen. Es bricht das Licht auf eine Weise, die man sonst nur aus Kanada oder Patagonien kennt.

Der türkisfarbene Lovatnet-See umgeben von Bergen
Der Lovatnet: Gletscherwasser in allen Schattierungen von Türkis und Grün (KI-generiert)

Am Lovatnet kann man Kanu oder Kajak fahren, und das Erlebnis, über dieses türkise Wasser zu paddeln, mit den Bergen und Gletscherzungen im Hintergrund, ist schwer in Worte zu fassen. Es gibt einen Verleih am Seeufer, und geführte Touren dauern 2 bis 3 Stunden. Die Wassertemperatur ist mit 8 bis 12 Grad im Sommer frisch, Baden ist also etwas für Mutige.

Der Lovatnet hat auch eine tragische Geschichte. 1905 und 1936 lösten sich riesige Felsmassen vom Berg Ramnefjell und stürzten in den See. Die dadurch ausgelösten Flutwellen zerstörten mehrere Siedlungen am Ufer und kosteten insgesamt 134 Menschen das Leben. Gedenksteine am Seeufer erinnern an die Opfer, und das örtliche Museum in Loen dokumentiert die Ereignisse.

Jostedalsbreen: Europas größter Gletscher

Der Jostedalsbreen ist mit etwa 474 Quadratkilometern der größte Festlandgletscher Europas. Er liegt südlich des Nordfjords und sendet mehrere Gletscherzungen in die Täler hinab. Die bekannteste und am leichtesten erreichbare ist der Briksdalsbreen, den man vom Dorf Olden aus in etwa einer Stunde Fahrt erreicht.

Die Wanderung zum Briksdalsbreen beginnt am Parkplatz im Briksdalen und dauert etwa 45 Minuten (einfache Strecke). Der Weg führt entlang eines Flusses, vorbei an Wasserfällen, bis man vor der Gletscherzunge steht. Allerdings hat sich der Briksdalsbreen in den letzten Jahrzehnten deutlich zurückgezogen. Wo man in den 1990er Jahren noch direkt vor dem Eis stand, ist heute ein Gletschersee. Das Eis ist weiter oben, aber der Rückzug des Gletschers macht die Folgen des Klimawandels hier unmittelbar sichtbar.

Für geführte Gletscherwanderungen auf dem Jostedalsbreen gibt es mehrere Anbieter. Die Touren starten meist am Nigardsbreen (südlich, über Jostedalen erreichbar) oder am Bøyabreen (über Fjærland). Man bekommt Steigeisen, Eispickel und Seil gestellt, und ein zertifizierter Guide führt die Gruppe über das Eis. Die Touren dauern 3 bis 6 Stunden und kosten zwischen 700 und 1.500 NOK pro Person.

Der Briksdalsbreen-Gletscher mit Gletschersee im Vordergrund
Der Briksdalsbreen: Eine der zugänglichsten Gletscherzungen des Jostedalsbreen (KI-generiert)

Der Jostedalsbreen Nasjonalpark, 1991 gegründet, schützt den Gletscher und sein Umland. Im Besucherzentrum Jostedalsbreen Nasjonalparksenter in Oppstryn wird die Geologie, die Gletscherbildung und der Rückzug des Eises erklärt. Die Ausstellung ist gut aufbereitet und auch für Kinder verständlich. Eintritt: 100 NOK für Erwachsene.

Stryn und das Sommerskigebiet

Stryn ist die größte Stadt am inneren Nordfjord und ein guter Ausgangspunkt für Unternehmungen in der Region. Die Stadt hat etwa 7.000 Einwohner, einen Supermarkt, Hotels und Restaurants. Von Stryn aus erreicht man den Briksdalsbreen, den Lovatnet und das Sommerskigebiet.

Das Stryn Sommerskisenter liegt auf dem Tystigen-Gletscher auf etwa 1.200 Metern Höhe. Von Mai bis Juli kann man hier Ski und Snowboard fahren, während unten im Tal Temperaturen von 20 Grad herrschen. Die Anlage hat mehrere Lifte und Pisten, und die Kombination aus Sonnenschein und Schnee lockt Skifahrer aus ganz Skandinavien an. Ein Tagespass kostet rund 400 NOK.

Im Jostedalsbreen Nasjonalparksenter in Oppstryn, wenige Kilometer von Stryn entfernt, bekommt man einen guten Überblick über die Region. Neben der Ausstellung über den Gletscher gibt es dort auch Informationen zu Wanderrouten und aktuellen Wetterbedingungen. Die Mitarbeiter sind in der Regel gut informiert und können konkrete Empfehlungen für Tagestouren geben.

Die Gamle Strynefjellsvegen, die alte Bergstraße über das Strynefjellet, ist eine der schönsten Panoramastraßen Norwegens. Sie wurde 1894 eröffnet und verläuft auf 27 Kilometern durch eine Hochgebirgslandschaft mit Schneefeldern, Seen und offener Tundra. Die Straße ist nur im Sommer (etwa Juli bis September) befahrbar und gehört zu den 18 Norwegischen Landschaftsrouten. Wer mit dem Auto durch die Region fährt, sollte diesen Umweg einplanen.

Olden und die Kreuzfahrtschiffe

Olden liegt am Innvikfjord, einem Seitenarm des Nordfjords, und ist einer der beliebtesten Kreuzfahrthäfen Norwegens. In der Hochsaison legen hier mehrmals pro Woche große Kreuzfahrtschiffe an, und an Spitzentagen können mehrere Tausend Passagiere gleichzeitig im Ort sein. Das verändert die Atmosphäre erheblich: Aus einem ruhigen Dorf mit 500 Einwohnern wird für einige Stunden ein belebter Touristenort.

Die meisten Kreuzfahrt-Passagiere fahren von Olden zum Briksdalsbreen oder zum Lovatnet. Wer diesen Andrang vermeiden will, plant seinen Besuch für den Morgen oder den Abend, wenn die Schiffe noch nicht angelegt oder schon wieder abgelegt haben. Alternativ lohnt es sich, Olden an Tagen ohne Kreuzfahrtschiffe zu besuchen. Die Anlegeschedule kann man auf der Website des Hafens einsehen.

Abseits der Kreuzfahrt-Tage ist Olden ein stiller Ort am Fjord, mit einer weißen Holzkirche von 1759, einem Dorfladen und dem Hotel Olden, das seit 1904 Gäste empfängt. Der Blick vom Hotel über den Fjord und die Berge ist einer der schönsten in der gesamten Region.

Das Dorf Olden am Nordfjord mit Bergen im Hintergrund
Olden am Innvikfjord: Beliebter Kreuzfahrthafen und Tor zum Briksdalsbreen (KI-generiert)

Wanderungen und Outdoor-Aktivitäten

Die Region um den Nordfjord bietet Wanderungen für jeden Anspruch. Neben dem Briksdalsbreen-Weg gibt es mehrere anspruchsvollere Touren:

Skåla (1.848 m): Der höchste Berg am Nordfjord. Die Wanderung von Loen aus dauert 6 bis 8 Stunden (hin und zurück) und überwindet 1.848 Höhenmeter. Auf dem Gipfel steht die Kloumanns-Tårn, ein steinerner Turm von 1891, der als Schutzhütte dient. Der Aufstieg ist lang und steil, aber oben hat man einen der weitesten Ausblicke Norwegens. Bei klarer Sicht sieht man den Jostedalsbreen, den Nordfjord und sogar die Küste.

Via Ferrata Loen: Seit 2016 gibt es einen Klettersteig am Berg Hoven, der vom Fjordniveau auf den Gipfel führt. Die Route ist in mehrere Abschnitte unterteilt und dauert 4 bis 6 Stunden. Man braucht einen Klettergurt und Klettersteig-Set (kann vor Ort geliehen werden) und sollte schwindelfrei sein. Die Kombination aus Klettersteig-Aufstieg und Seilbahn-Abfahrt ist besonders reizvoll.

Angeln: Der Nordfjord und seine Zuflüsse sind gut für Lachsfischerei. Die Flüsse Eidselva und Stryneelva gehören zu den besten Lachsgewässern Westnorwegens. Die Angelsaison dauert von Juni bis September. Angelscheine bekommt man bei den örtlichen Touristeninformationen oder online. Im Fjord selbst kann man ohne Lizenz angeln (Salzwasser), solange man keine Netze verwendet.

Radfahren: Die Region eignet sich gut für Radtouren, besonders die Strecke entlang des Fjordufers zwischen Stryn und Olden. Ambitionierte Radfahrer können die Gamle Strynefjellsvegen als Bergprüfung nutzen. E-Bikes können in Stryn und Loen gemietet werden.

Anreise und Übernachtung

Mit dem Auto: Von Bergen über die E39 und E15 in etwa 4 Stunden. Von Oslo über die E16 und E39 in etwa 6,5 Stunden. Von Ålesund über die E39 in etwa 3 Stunden. Die Strecken führen über mehrere Fähren, die man bei der Zeitplanung berücksichtigen sollte.

Mit dem Flugzeug: Der nächste Flughafen ist Sandane (SDN), der von Oslo aus angeflogen wird. Alternativ fliegt man nach Bergen oder Ålesund und fährt mit dem Auto weiter. Im Sommer gibt es Busverbindungen von Bergen und Oslo nach Stryn (NOR-WAY Bussekspress).

Übernachtung: Das Hotel Alexandra in Loen ist das bekannteste Hotel der Region, ein großes Familienhotel mit Spa, direkt am Fjord. Wer es kleiner mag, findet in Olden, Stryn und Nordfjordeid Pensionen und Ferienhäuser. Camping: Der Campingplatz Olden Camping Gytri liegt direkt am Oldevatnet und bietet Stellplätze mit Blick auf den Briksdalsbreen. Hütten kosten ab 700 NOK pro Nacht.

Beste Reisezeit: Juni bis September. Im Juni und Juli ist das Sommerskigebiet geöffnet. August bietet die wärmsten Temperaturen (durchschnittlich 16 bis 18 Grad). September bringt Herbstfarben und weniger Touristen. Im Winter ist die Region ruhig, viele Bergstraßen sind gesperrt, aber Stryn und Loen sind ganzjährig erreichbar.

Häufige Fragen zum Nordfjord

Wie kommt man zum Briksdalsbreen?

Von Olden aus fährt man etwa 25 Kilometer das Oldedalen hinauf bis zum Parkplatz im Briksdalen. Von dort sind es 45 Minuten zu Fuß bis zur Gletscherzunge. Der Weg ist gut befestigt und auch für Familien geeignet. Alternativ gibt es Trollcars (kleine Elektrofahrzeuge), die einen Teil der Strecke übernehmen. Parkgebühr: 80 NOK.

Lohnt sich der Loen Skylift?

Ja, besonders bei gutem Wetter. Die Fahrt dauert nur 5 Minuten, und oben hat man einen Panoramablick, der selten zu finden ist. Der Preis von 590 NOK ist hoch, aber die Aussicht und die Möglichkeit, oben zu wandern oder im Restaurant zu essen, rechtfertigen die Kosten. Bei Nebel oder tiefhängenden Wolken sollte man den Besuch verschieben.

Kann man am Lovatnet baden?

Theoretisch ja, aber das Wasser ist mit 8 bis 12 Grad auch im Sommer sehr kalt. Es gibt keine offiziellen Badestrände, aber einige Stellen am Ufer, an denen man ins Wasser gehen kann. Kajakfahren oder Kanufahren auf dem See ist die beliebtere Aktivität. Verleih gibt es direkt am Seeufer in Sande.

Gibt es Kreuzfahrtschiffe am Nordfjord?

Ja, Olden ist einer der beliebtesten Kreuzfahrthäfen Norwegens. In der Hochsaison (Juni bis August) legen mehrmals pro Woche große Schiffe an. An Kreuzfahrttagen kann es am Briksdalsbreen und am Lovatnet voll werden. Die Anlegeschedule kann man online auf der Website des Olden-Hafens einsehen und seinen Besuch entsprechend planen.

Sergej Gerber

Sergej Gerber

Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.

Zuletzt aktualisiert: Mai 2026