Hjørundfjord
Eine Stunde südlich von Ålesund liegt ein Fjord, den die meisten Reiseführer mit höchstens einem Absatz erwähnen. Der Hjørundfjord ist 33 Kilometer lang, umgeben von Bergen, die bis 1.600 Meter aufragen, und bewohnt von vielleicht 1.500 Menschen in verstreuten Dörfern am Ufer. Es gibt kein Kreuzfahrt-Terminal hier, keine Flåmsbahn, keinen Stegastein. Was es gibt: Wasser, Fels, Stille und eine Landschaft, die so aussieht, wie man sich Norwegen vorstellt, bevor man hinkommt.
Ich fuhr im August mit der Fähre von Standal nach Sæbø, quer über den Fjord. Es war Nachmittag, die Sonne stand hoch, und das Wasser hatte die Farbe von flüssigem Blei. Links und rechts stiegen die Berge auf, steil und schroff, mit Schneefeldern in den Gipfelrinnen, obwohl es Hochsommer war. Am Ufer, winzig gegen die Felswände, standen vereinzelte Häuser. Rote Scheunen, weiße Wohnhäuser, grüne Wiesen. Kein Mensch zu sehen. Die Fähre brauchte 15 Minuten. In diesen 15 Minuten habe ich verstanden, warum manche Norweger sagen, der Hjørundfjord sei der schönste Fjord des Landes.
Ein Fjord ohne Kreuzfahrtschiffe
Der Hjørundfjord gehört zur Kommune Ørsta in der Provinz Møre og Romsdal. Er zweigt vom Storfjord ab, dem breiten Fjord, der auch zum Geirangerfjord führt. Aber während der Geirangerfjord jährlich 300.000 Touristen anzieht, kommen zum Hjørundfjord vielleicht 20.000. Der Grund ist simpel: Es gibt keine große Attraktion, keinen einzelnen Wasserfall oder Aussichtspunkt, der Busse und Schiffe anlockt. Die Attraktion ist der Fjord selbst. Und Fjorde lassen sich schlecht vermarkten, wenn kein konkretes Fotomotiv existiert, das auf Instagram funktioniert.
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Das ist kein Nachteil. Es ist der größte Vorzug des Hjørundfjords. Wer hierher kommt, kommt bewusst. Man muss den Fjord suchen, sich über Landstraßen und Fähren vorarbeiten. Es gibt keine Schnellstraße, keinen Flughafen in der Nähe. Die nächste größere Stadt ist Ålesund, 90 Autominuten entfernt. Diese Unzugänglichkeit hat den Fjord vor der Touristenflut bewahrt, die andere Fjorde in den Sommermonaten überrollt.
Die Gemeinden am Hjørundfjord leben von Landwirtschaft, Fischerei und etwas Tourismus. In Sæbø, dem größten Ort am Fjord, gibt es einen kleinen Supermarkt, eine Tankstelle, ein Hotel und eine Schule. In Urke, am südlichen Ende, leben 200 Menschen. In Trandal, nur per Boot erreichbar, vielleicht 20. Es sind Orte, die es eigentlich nicht mehr geben dürfte, wenn man den ökonomischen Gesetzen der Moderne folgt. Dass es sie noch gibt, liegt an der Sturheit der Menschen, die hier leben.
Die Sunnmøre-Alpen
Die Berge rund um den Hjørundfjord tragen den Namen Sunnmørsalpene, die Sunnmøre-Alpen. Der Name ist kein Marketing-Trick. Die Berge sehen tatsächlich aus wie Alpen: spitze Gipfel, steile Grate, Schneefelder, die bis in den August überleben. Der höchste Berg ist der Kolåstinden mit 1.432 Metern, aber es gibt Dutzende weiterer Gipfel über 1.000 Meter, die direkt aus dem Fjord aufsteigen.
Was die Sunnmøre-Alpen von den echten Alpen unterscheidet, ist die Basis. Hier beginnt der Aufstieg auf Meereshöhe. Wer einen 1.400 Meter hohen Gipfel besteigt, hat tatsächlich 1.400 Höhenmeter in den Beinen, nicht 800 wie in den Alpen, wo die Parkplätze oft schon auf 600 Metern liegen. Das macht die Gipfel anspruchsvoller, als ihre Höhe vermuten lässt.
Die Geologie der Region ist komplex. Gneis und Granit dominieren, durchzogen von weicheren Schiefer-Einschlüssen, die die Erosion genutzt hat, um die steilen Täler und engen Fjorde zu formen. Die letzte Eiszeit hat den Rest erledigt: Gletscher haben die Berge geschliffen, Moränen aufgetürmt und den Fjord auf seine heutige Tiefe von über 500 Metern ausgehöhlt.
Norangsdal: Das versunkene Tal
Das Norangsdal ist ein schmales Tal, das sich vom Hjørundfjord bei Urke ins Landesinnere zieht. Es ist berühmt für den Lyngstølsvatnet, einen See, der erst seit 1908 existiert. In jenem Jahr löste sich eine gewaltige Geröllmasse vom Berg Keipen und donnerte ins Tal. Die Geröllmasse staute den Fluss, und innerhalb weniger Tage entstand ein See, 43 Meter tief. Er überflutete den Berghof Lyngstølen und mehrere Almhütten. Bei niedrigem Wasserstand, vor allem im Spätsommer, kann man die Reste der Gebäude noch sehen: Mauern, Fundamente, Zaunpfosten, die aus dem Wasser ragen wie Mahnmale.
Die Straße durch das Norangsdal ist schmal, stellenweise einspurig, und führt durch ein Tal, das mancherorts kaum 100 Meter breit ist. Die Berge steigen auf beiden Seiten fast senkrecht auf. Birken und Erlen klammern sich an die Hänge. Im Frühsommer stürzen Dutzende Wasserfälle von den Felswänden. Es ist dunkel hier unten, selbst an Sommertagen, weil die Berge das Licht abschirmen.
Am Ende der befahrbaren Straße liegt der Hof Fivelstad, einer der letzten bewirtschafteten Bergbauernhöfe der Region. Von dort führt ein Wanderweg weiter ins Tal hinein und über den Berg nach Hellesylt am Geirangerfjord. Die Wanderung dauert 6 bis 8 Stunden und gilt als eine der schönsten in Westnorwegen. Sie führt durch wegloses Gelände, vorbei an Gletscherseen und über Schneefelder. Erfahrung im Bergwandern ist Voraussetzung.
Das Hotel Union Øye, am Eingang des Norangsdals, ist eine Legende. Es wurde 1891 erbaut und hat seitdem Gäste wie Kaiser Wilhelm II. Königin Maud von Norwegen und den Schriftsteller Sir Arthur Conan Doyle beherbergt. Jedes Zimmer ist nach einem berühmten Gast benannt. Übernachtung ab 2.200 NOK inklusive Frühstück. Die Atmosphäre schwankt zwischen Grandhotel und Geisterhaus, je nach Wetterlage und Tageszeit.
Urke: Das Dorf am Fjord
Urke liegt am südlichen Ende des Hjørundfjords und ist der Ausgangspunkt für das Norangsdal und den berühmtesten Gipfel der Region: den Slogen (1.564 m). Das Dorf hat rund 200 Einwohner, eine Kirche, ein Gemeindehaus und den kleinen Laden Urke Landhandel, der seit 1866 besteht und alles verkauft, von Angelhaken bis Zimtschnecken.
Der Slogen ist der Berg, der den Hjørundfjord definiert. Er steigt direkt vom Fjord auf, 1.564 Meter in einem Zug. Der Aufstieg beginnt in Urke auf 5 Metern Höhe und endet auf dem Gipfel, 1.559 Höhenmeter höher. Die Wanderung dauert 4 bis 5 Stunden hinauf und 3 Stunden hinab. Der Weg ist steil, gut markiert (rote T-Markierungen) und ab 1.200 Metern stellenweise ausgesetzt. Schwindelfreiheit ist nötig.
Vom Gipfel des Slogen hat man einen Rundblick, der seinesgleichen sucht. Der Hjørundfjord liegt tief unten, dunkel und schmal. Dahinter reihen sich die Gipfel der Sunnmøre-Alpen aneinander, bis zum Horizont. Bei klarer Sicht sieht man die Küste und die Inseln draußen im Meer. Der Slogen wird von Einheimischen auch "Dronningen" genannt, die Königin, was den Berg gut beschreibt.
Wer nicht wandern will, kann in Urke auch einfach am Fjord sitzen. Es gibt einen kleinen Kiesstrand, an dem man Steine ins Wasser werfen kann, während die Berge ringsum langsam ihre Farbe mit dem Licht ändern. Am Abend, wenn die Sonne hinter den Gipfeln verschwindet und die Schatten über den Fjord kriechen, entsteht ein Licht, das Fotografen verrückt macht: warm, golden, mit langen Schatten und dunklem Wasser.
Kajak auf dem Hjørundfjord
Den Hjørundfjord vom Kajak aus zu erleben, ist die intensivste Art, diesen Ort zu begreifen. Das Wasser ist in der Regel ruhig, windgeschützt durch die hohen Berge ringsum. Die Stille ist nahezu vollständig. Kein Motorenlärm, keine Durchsagen, kein Touristenlärm. Nur das Eintauchen des Paddels, das Plätschern am Bug, gelegentlich das ferne Rauschen eines Wasserfalls.
Kajakverleih gibt es bei Hjørundfjorden Adventures in Sæbø. Ein Seekajak kostet ab 600 NOK pro Tag, geführte Touren ab 890 NOK für eine Halbtagestour. Die beliebte Route führt von Sæbø nach Trandal, einem Dorf, das nur per Boot oder Fähre erreichbar ist. Die Strecke ist 8 Kilometer lang, durch ruhiges Wasser, vorbei an Wasserfällen und verlassenen Höfen. In Trandal gibt es ein Cafe (Trandal Kafé), das im Sommer geöffnet ist und Waffeln mit Rømme serviert.
Für erfahrene Paddler lohnt die Ganztagestour von Sæbø nach Øye am Südende des Fjords. 18 Kilometer, 5 bis 6 Stunden reine Paddelzeit. Man passiert das gesamte Westufer des Fjords mit seinen steilen Bergen und kleinen Buchten. An manchen Stellen stürzen Wasserfälle direkt in den Fjord, und man kann unter dem Wasservorhang hindurchpaddeln. Die Wassertemperatur liegt im Sommer bei 14 bis 17 Grad. Kaltwassertauglich sein hilft.
Wanderungen am Hjørundfjord
Neben dem Slogen gibt es rund um den Hjørundfjord Dutzende weiterer Gipfel, die erklommen werden können. Der Saksa (1.073 m) bei Sæbø ist eine gute Alternative für alle, die weniger Höhenmeter wollen. Aufstieg 3 Stunden, Abstieg 2 Stunden. Der Blick vom Gipfel über den Fjord und die umliegenden Berge ist ausgezeichnet.
Die Wanderung von Urke über die Berge nach Norangsdal ist eine Klassiker-Route. Man steigt von Urke auf den Bergrücken (800 Meter Aufstieg), hat oben einen weiten Blick und steigt dann ins Norangsdal ab. Die Tour dauert 5 bis 6 Stunden. Am Ende kann man den Bus zurück nach Urke nehmen oder über die Straße zurückwandern. Die Wanderung ist am schönsten im September, wenn die Birken in vollem Herbstkleid stehen.
Für Weitwanderer gibt es die Sunnmørsalpene Haute Route, eine mehrtägige Hüttenwanderung, die mehrere Gipfel über 1.000 Meter verbindet. Die Route ist anspruchsvoll: steile Aufstiege, weglose Passagen, gelegentlich Schneefelder. Die DNT-Hütten entlang der Strecke bieten einfache Übernachtungsmöglichkeiten. Man braucht gute Ausrüstung, Karte, Kompass und Erfahrung im alpinen Gelände.
Leichtere Spaziergänge führen entlang des Fjordufers von Sæbø nach Norden. Der Weg ist flach und folgt der alten Poststraße, die einst die Dörfer am Fjord verband. Unterwegs passiert man verlassene Höfe, die langsam von der Natur zurückerobert werden: eingebrochene Dächer, wuchernde Hecken, Birken, die durch Fensteröffnungen wachsen. Es ist melancholisch und schön zugleich.
Winter am Hjørundfjord
Der Hjørundfjord im Winter ist ein völlig anderer Ort als im Sommer. Die Berge sind weiß, der Fjord dunkel, die Tage kurz. Im Dezember geht die Sonne kaum über die Berge, und die Dörfer am Fjord liegen wochenlang im Schatten. Trotzdem, oder gerade deshalb, hat der Winter seinen eigenen Reiz. Die Stille ist noch tiefer, die Luft noch klarer, und die Nordlichter, die gelegentlich über den Himmel tanzen, spiegeln sich im schwarzen Wasser.
In den letzten Jahren hat sich der Hjørundfjord als Ziel für Skitouren-Geher etabliert. Die Sunnmøre-Alpen bieten perfekte Bedingungen: steile Anstiege, guter Schnee (oft Pulverschnee durch den Küsteneffekt), Abfahrten direkt bis zum Fjord. Man kann mit dem Kajak über den Fjord paddeln und dann auf Skiern den nächsten Gipfel besteigen. Fjord-to-Summit-Skiing nennen das die Einheimischen. Es gibt nicht viele Orte auf der Welt, wo so etwas möglich ist.
Bergführer für Skitouren am Hjørundfjord bieten mehrere Anbieter an, darunter Brekke & Gjendem Fjellsport (ab 2.500 NOK pro Person für einen Tagesausflug). Die beste Zeit für Skitouren ist Februar bis April, wenn die Tage länger werden, der Schnee stabil ist und die Lawinengefahr beherrschbar bleibt. Lawinenkenntnisse und vollständige Lawinenausrüstung (LVS, Sonde, Schaufel) sind Pflicht.
Anreise und praktische Tipps
Die Anreise zum Hjørundfjord führt über Ålesund. Von dort nimmt man die E39 Richtung Süden bis Sjøholt, dann die Fylkesvei 60 über Ørsta nach Sæbø. Die Fahrt dauert 90 Minuten. Alternativ kann man von der E39 bei Festøy die Fähre nach Solavågen nehmen und über Standal und die Fähre nach Sæbø fahren. Der zweite Weg ist länger, aber die Fährfahrt über den Fjord ist die schönere Anreise.
Unterkünfte am Hjørundfjord sind begrenzt. Das Hotel Union Øye ist die Luxusoption (ab 2.200 NOK). In Sæbø gibt es das Sæbø Gjestehus, einfacher und günstiger (ab 900 NOK). Ferienhäuser über Novasol und Airbnb gibt es vereinzelt, ab 700 NOK pro Nacht. In Urke vermietet ein lokaler Anbieter Hütten direkt am Fjord. Camping ist im Rahmen des Jedermannsrechts überall erlaubt, aber die Infrastruktur (Toiletten, Wasser) ist minimal.
Einkaufsmöglichkeiten sind rar. In Sæbø gibt es einen kleinen Joker-Laden mit Grundversorgung. Für größere Einkäufe fährt man nach Ørsta (30 Minuten) oder Ålesund (90 Minuten). Restaurants gibt es kaum. Das Hotel Union Øye serviert gehobene Küche (Hauptgerichte ab 350 NOK), und in Sæbø gibt es ein kleines Cafe. Wer hier Urlaub macht, kocht meist selbst.
Die beste Reisezeit ist Juni bis September für Wandern und Kajak, Februar bis April für Skitouren. Im Hochsommer (Juli) sind die Tage fast endlos lang, die Sonne geht erst gegen 23 Uhr unter. Im September kommt die Herbstfärbung, die in den Birkenwäldern am Fjord besonders intensiv ausfällt. Der Winter hat seinen eigenen Reiz, erfordert aber Erfahrung mit den Bedingungen: kurze Tage, Kälte, eingeschränkte Straßenverhältnisse.
Häufige Fragen zum Hjørundfjord
Ist der Hjørundfjord mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar?
Nur eingeschränkt. Es gibt eine lokale Fähre von Standal nach Sæbø und Busse von Ørsta nach Sæbø. Die Verbindungen sind allerdings selten, besonders am Wochenende. Ein Mietwagen ist für die Erkundung des Hjørundfjords praktisch unverzichtbar. Mietwagen gibt es am Flughafen Ålesund Vigra.
Wie anspruchsvoll ist die Wanderung auf den Slogen?
Der Slogen ist eine anspruchsvolle Tagestour: 1.559 Höhenmeter Aufstieg, 4 bis 5 Stunden hinauf, 3 Stunden hinab. Der Weg ist gut markiert, aber ab 1.200 Metern steil und teilweise ausgesetzt. Schwindelfreiheit und gute Kondition sind Voraussetzung. Festes Bergschuhwerk ist Pflicht. Bei Nässe oder Nebel sollte man die Tour nicht machen.
Kann man im Hjørundfjord schwimmen?
Theoretisch ja, praktisch ist es kalt. Die Wassertemperatur liegt selbst im Hochsommer bei 14 bis 17 Grad. Abgehärtete Norweger gehen trotzdem ins Wasser. Wer es versuchen will: In Urke und Sæbø gibt es kleine Kiesstrände, die einen Einstieg ermöglichen. Lange Schwimmeinheiten sind bei diesen Temperaturen nicht ratsam.
Gibt es am Hjørundfjord Handy-Empfang?
In den Dörfern Sæbø, Urke und Øye gibt es mobiles Netz (4G). Auf dem Fjord selbst und in den Bergen kann der Empfang lückenhaft sein. In abgelegenen Tälern wie dem Norangsdal fällt das Signal stellenweise komplett aus. Wer auf Kommunikation angewiesen ist, sollte eine Offline-Karte dabei haben.
Lohnt sich der Hjørundfjord im Vergleich zum Geirangerfjord?
Das kommt darauf an, was man sucht. Der Geirangerfjord hat die bekannten Wasserfälle (Sieben Schwestern, Brautschleier), das UNESCO-Welterbe-Label und die touristische Infrastruktur. Der Hjørundfjord hat die Ruhe, die steileren Berge und das Gefühl, etwas Eigenes entdeckt zu haben. Wer Menschenmengen meiden will und gerne wandert oder paddelt, wird den Hjørundfjord vorziehen.
Sergej Gerber
Ich bin absoluter Skandinavien-Fan und reise schon seit über 12 Jahren in die schönen Länder Skandinaviens. Hier teile ich meine Erfahrungen und Tipps zu den skandinavischen Ländern und der Ostsee-Region.
Zuletzt aktualisiert: Mai 2026