Tallinn auf Abwegen



Tallinn auf Abwegen

Schräge Tour(en) durch eine Stadt im Umbruch

Estlands Hauptstadt hat viele Gesichter: Die vorbildlich restaurierte, komplett erhaltene Altstadt aus dem Mittelalter zieht jedes Jahr mehr als eine Million Touristen an. Doch jenseits der Stadtmauer finden sich viele Spuren der untergegangenen Sowjetunion und manche Zeichen des Aufbruchs.

Tallinn - die Hauptstadt von Estland, Foto: Robert B. Fishman
Tallinn - die Hauptstadt von Estland, Foto: Robert B. Fishman

Das Sowjetreich beginnt gleich hinter der Stadtmauer. An einem wuchtigen dunklen Holzschreibtisch sitzt unter einem großen Leninporträt ein schlacksiger Mann in Fleecepulli und Jeans. Tanel Soosar blickt auf sein Werk. Eine alte Lagerhalle voller Realsozialismus: Eine komplette Ladeneinrichtung, alte Militärfahrzeuge der Roten Armee und viele Skurrilitäten aus dem Alltag.

„Dieses Auto hat ein Este 1968 selbst gebaut“, erklärt Taner lachend und klopft auf die Karosserie eines knallroten Sportflitzers: Fiberglas. Er hat sich eine Gussform aus Ton gefertigt und diese mit dem Kunststoff gefüllt. Innen: zwei Sitze, Lenkrad, Bremse, Armaturenbrett, Tacho, alles da. „Das Auto war offiziell angemeldet. Er ist damit in den Urlaub bis ans Schwarze Meer gefahren.“

Das Museum „Made in USSR“ zeigt den Alltag in der Sowjetunion, kein KGB, kein Gulag, kein Gruseln. Das ganz normale Leben hinter dem eisernen Vorhang: Eine komplett eingerichtete Wohnung mit wackeliger Schrankwand aus dunkelbraun furniertem Pressspan, Küchengeräte, ein Radio, ein Schlauchboot zum auseinanderbauen und ein Rasenmäher Marke Eigenbau: Ein Tüftler hat einen Motor auf ein altes Kinderwagengestell montiert, darunter ein paar Messer, die sich drehen.

„Das funktioniert“, verspricht Taner, ebenso wie die selbstgebaute Motorsäge eines anderen estnischen Bastlers. Die sei sogar in die Serienproduktion übernommen worden. An viele Geschichten erinnert sich Taner, Jahrgang 1973, selbst noch genau: Wenn wir eine Schlange vor einem Laden gesehen haben, haben wir uns angestellt. Erst nach dem Einkauf haben wir uns dann überlegt, was wir mit dem Erworbenen anfangen.“

Die Zeiten sind seit 20 Jahren vorbei. Auf dem Russischen Markt hinter dem Bahnhof gibt es alles. Aus Plastikkisten verkaufen die Markthändler Obst und Gemüse. An den verwitterten Fassaden alter Lagerhallen hängen bunte billige Klamotten, dazwischen Stände mit Flohmarkttrödel, mehr oder minder versteuerten Zigaretten aus ganz Europa und ganz hinten ein Kiosk: Im Schaufenster ein Wecker mit Stalin-Konterfei, sowjetische Orden, Nazi-Abzeichen und Wehrmachtsstreichhölzer „für den deutschen Soldaten“. Hier wird verkauft, was Geld bringt.

Ein junger Mann preist an einem Tapeziertisch auf Russisch seine mechanischen Wecker an. „Die sind aus Polen, gute Ware“, verspricht er. „Natürlich gehen sie genau.“ Der Preis: fast wie zu Sowjetzeiten, umgerechnet 1 Euro 50 kostet der silber glänzende Wecker im Retrostil mit zwei extra lauten Schellen oben drauf.

Kaum Schulden, kaum Sozialstaat

Solche Schnäppchen gibt es in der Innenstadt nicht mehr. Die Läden, Galerien, Cafés und Restaurants sind fast so teuer wie in Westeuropa. Der Staat spart. „Die Leistung des estnischen Wohlfahrtsstaats kommt disproportional den Wohlhabenden zugute“ kritisiert die internationale Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit OECD. Estland gibt nur etwa 12,5 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts für Sozialleistungen aus. Im europäischen Durchschnitt sind es 27 Prozent. Dafür hat Estland die niedrigsten Staatsschulden in der EU. 2011 kommt der Euro. Die Kehrseite des Wirtschaftswunders: Die Arbeitslosenquote ist auf mehr als 15 Prozent gestiegen.

Verfassungsrecht auf Internet

Geld wird heute vor allem mit Dienstleistungen und Hightech verdient. Stark sind Banken, Design, Metall und vor allem Software- und Internetunternehmen. Skype zum Beispiel, Erfinder und weltweiter Anbieter von Internettelefonie, sitzt in Tallinn. Fast das ganze Land ist online. „Wir erfahren im Internet die Zeugnisnoten unserer Kinder“, schwärmt Stadtführerin Ole Kirs, „und die meisten Sitzungen unseres Parlaments können wir online verfolgen.“ Der Staat garantiert allen Bürgern ein Recht auf Internetzugang. Fast alle Cafés bieten ihren Gästen kostenloses W-Lan.

Definitiv offline ist man in Tallinn unter der Erde. Neben dem mächtigen mittelalterlichen Wehrturm „Kiek in die Kök“ („Blick in die Küche“) mit seinen zwei Meter dicken Mauern führt eine steile Treppe in die Tiefe. Mit jeder Stufe wird es feuchter und kühler.

Im 17. Jahrhundert begannen die Schweden damit, die dicke Stadtmauer Tallinns zu untertunneln. So konnten sie hören, wenn Feinde versuchten, die Stadtmauer zu untergraben oder einen Tunnel unter die Stadtbefestigung zu sprengen.

Krieg im Keller

Aus Lautsprechern heulen und pfeifen Granaten, dazwischen immer wieder Detonationen. Am Ende eines langen Gangs sitzt eine täuschend echt aussehende Puppe in einem Holzregal: Eine abgemagerte Frau in einem alten Mantel. Um Kopf und Hals trägt sie einen Schal gegen die Kälte. Auf den nackten Regalböden schliefen die Menschen, die hier Zuflucht vor den Bomben suchten.

Nach 1945 diente der unterirdische Gang weiter für den Fall eines Krieges als Luftschutzbunker. Eine Frauenfigur sitzt in sowjetischer Armeeuniform an einem Tisch und hält Wache. In einem Regal liegen Gasmasken.

Estland fiel 1939 an die Sowjetunion, nachdem Hitler und Stalin Osteuropa unter sich aufgeteilt hatten. 1941 marschierte dann doch die deutsche Wehrmacht in Tallinn ein. Die Stadt hieß nun wieder Reval, bis sie die Rote Armee 1944 zurückeroberte. Dabei verbrannten die meisten Holzhäuser in den Tallinner Vorstädten. Im mittelalterlichen Zentrum haben fast 90 Prozent der Gebäude den Krieg überstanden. Heute gehört die komplett erhaltene mittelalterliche Altstadt zum Weltkulturerbe.

An ihrem Südrand ragt ein turmhohes gläsernes Kreuz in den klaren Tallinner Himmel. Auf seinem Sockel liegen immer frische Blumen. „Das Rote Kreuz ist wieder da“, lästern viele Tallinner über das angeblich 100 Millionen Kronen (6,43 Mio. Euro) teure Monstrum. Zwischen Glasplatten und Metallträger gedeihen rote Pilze. Bisher haben sie alle Reinigungsversuche überstanden. Geschichten wie diese erzählt der Stundent Denis Osmann. Er führt Touristen auf den alternativen Stadtrundgängen eines Tallinner Jugendprojekts.

Nicht weit vom grauen, kahlen Freiheitsplatz mit dem gläsernen Kreuz verkaufen junge Leute in einem Zelt Funky Bike Fahrrad-Touren und die alternativen Stadtrundgänge. Dort erfahren die Touristen, dass die Stadt auf Wunsch der Supermarktketten Flohmärkte verboten habe.

Die Stadtführer des Projekts schicken ihre Gäste zum Einkaufen auf den Russischen Markt. Jeder bekommt fünf Kronen. Wer das schönste Schnäppchen mitbringt bekommt die Souvenirs der Anderen dazu. Event-Shopping für 32 Cent.

Knast mit Meerblick

Nicht minder ungewöhnliche Tallinn-Erfahrungen vermittelt Toomas Lelov auf seinen Citybike-Radtouren. Von seinem Fahrradladen in der Altstadt geht es über holpriges Kopfsteinpflaster in Tallinns fast vergessenes Viertel am Meer. Das ehemalige Elektrizitätswerk zwischen Altstadt und Ostsee steht leer. Auf einer Bank vor dem alten Gebäude sitzen unter der Feuerwehrtreppe zwei junge Männer bei einem Bier. Raul, einer von beiden, nennt sich Radiokünstler. Schräge Töne, Soundinstallationen, die sich nicht jedem Hörer erschließen.

„Illegal“, meint Raul lachend. Eigentlich bräuchten die Radiomacher vom alternativen Emil Karrida Kunstimuuseum eine Lizenz für ihren Sender. Weil sie die nicht bekommen, senden sie heimlich. Drinnen im ehemaligen E-Werk ist es stockfinster. Eine Videoinstallation zeigt verschwommene, undefinierbare Bilder.

Die Stadt hat das Potenzial der freien Kunstszene inzwischen entdeckt. Das ehemalige E-Werk wird zum Kulturzentrum umgebaut. Schließlich ist man 2011 Europäische Kulturhauptstadt und die hat im Brachland am Westmeer, wie die Ostsee hier heißt, einiges vor. „Geschichten von der Meeresküste“ wollen die Kulturhauptstadtmacher erzählen und so Tallinner und Gäste daran erinnern, dass die Stadt Jahrhunderte lang vom und mit dem Meer gelebt hat.

Zu Sowjetzeiten war das Gebiet zwischen Altstadt und Wasser gesperrt. Jetzt nutzen junge Leute die Freiräume, Ruinen und Brachflächen für Experimente: ein Kunstmuseum im stillgelegten Elektrizitätswerk, Konzerte, Raves, Partys, Ausstellungen und Workshops im leerstehenden Gefängnis Patarei. Bis 2004 diente die ehemalige Festung mit dem perfekten Meerblick als Knast. Seitdem steht das Gemäuer hinter den Resten eines Stacheldrahtverhaus leer. Auf der Rückseite des gruseligen Bauwerks haben ein paar junge Leute eine Strandbar eröffnet.

Geschichten von der Meeresküste

Erst allmählich holen sich die Tallinner ihr Meeresufer zurück. Am alten Hafen entsteht für die Kulturhauptstadt 2011 in einem ehemaligen Wasserflugzeug-Hangar ein Kulturzentrum, ein italienischer Investor hat auf einer Brachfläche ein komplett neues Wohnviertel gebaut und die Preise für die alten Holzhäuser im einstigen „Glasscherbenviertel“ nebenan steigen rapide. Die Bauarbeiten für den neuen Ufer-Radweg vorbei am neuen Fischmarkt, am Patarei-Kulturzentrum und am neuen Wohnviertel haben schon begonnen.

Text und Fotos: Robert B. Fishman



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