Hip Hop aus Sowjetruinen



Hip Hop aus Sowjetruinen

Eingezäunt mit Stacheldraht und streng bewacht barg die Kleinstadt Paldiski in Estland ein besonders streng gehütetes Geheimnis der Sowjetunion. Die sowjetische Marine bildete hier die Besatzungen ihrer Atom-U-Boote aus. Inzwischen ist der Reaktor heruntergefahren und mit einem großen Haufen Beton versiegelt. Die Marine ist weg.

Hip Hop aus Paldiski / Estland, Foto: Foto: Robert B. Fishman
Hip Hop aus Paldiski / Estland, Foto: Foto: Robert B. Fishman

Zurück geblieben sind von Unkraut überwucherte Ruinen, verfallende Kasernen, Plattenbauten, alte Leute, die von den goldenen Sowjet-Zeiten träumen und Jugendliche, die versuchen, aus der Ödnis an der Ostsee das Beste zu machen. Zum Beispiel ein Zentrum des estnischen Hip-Hop.

Auf dem Spielplatz zwischen den frisch renovierten Plattenbauten turnen ein paar Kinder herum. Ihre Mütter schauen ihnen zu. Am Straßenrand plaudern einige ältere Herrschaften in der Nachmittagssonne. Der Supermarkt gegenüber hat auch am Feiertag offen. Los ist nicht viel in Paldiski. Ein Hafen, ein Öllager, zwei Schulen, eine Fahrschule, ein Haufen inzwischen renovierter Plattenbauten, ein winziger alter Bahnhof, dessen Restaurant geschlossen hat, Ruinen der sowjetischen Kasernen, zwei Läden. Das war’s.

“Für junge Leute gibt es hier ja sonst nichts” erzählt Wadim verschwitzt und atemlos in einer Trainingspause.  Mit ein paar Freunden übt er zum scheppernden Sound aus einem Ghettoblaster wilde Break Dance Formationen.

Schräg gegenüber, im frisch renovierten Schulgebäude schwärmt Lehrerin Valentina Volkova von der guten alten Sowjetzeit: “Wir hatten hier ein wunderbares Leben, Theater, Konzerte, schöne Wohnungen, alles, was wir brauchten.” Vieles, sagt sie, sei damals in der Sowjetunion besser gewesen: Kostenlose medizinische Versorgung, Lesungen, Theater und Konzerte im Offiziershaus der Roten Armee, Sanatorien, Pionierlager, Ausbildung, alles kostenlos. Auch ihre Schüler waren damals besser. Bücher bekommt man heute ohne Probleme, aber die Kinder lesen nicht mehr.

Valentinas Mann Wjetsislaw, einst Mechaniker und Ingenieur im Atomreaktor der sowjetischen U-Boot-Flotte, fährt heute die wenigen Besucher im nagelneuen Honda über holprige Sandpisten durchs ehemalige Militärgelände. “Ich bin Pensionär und bewache die Schule”, erzählt er, zeigt auf vom Gestrüpp überwucherte Bunker im Wald und weit hinaus aufs Meer: “Die Kanone, die hier stand konnte bis rüber nach Finnland schießen….” Im Gestrüpp stehen nur noch die Reste der Abschussrampe.

Die Natur hat sich die Militäranlagen der Sowjetischen Marine zurückgeholt. Nur ein paar Ruinen erinnern nach an das streng geheime Ausbildungszentrum für Atom-U-Boote. Wjetsislaw kramt in seinen Erinnerungen, erzählt von Kameraden, die 1986 in einem sinkenden U-Boot ertrunken sind und, wie seine Frau, vom angenehmen Leben im sowjetischen Marinestützpunkt.

Ksenia war noch im Kindergarten, als sich die Sowjetunion auflöste und Estland seine Unabhängigkeit erklärte. Als die Rote Arme Estland 1994 räumte, kam sie in die Schule.

Jetzt trainiert sie mit Wadim und ein paar anderen Freunden im Konferenzraum der Hafenverwaltung Break-Dance. „Wir können hier immer üben“, freut sich die lebhafte junge Frau. Deutsch hat sie als Studentin in München gelernt. „Die Hafenverwaltung und die Stadt unterstützen uns wo sie können. Alle sind froh, dass wir etwas für die jungen Leute machen“.

Hip Hop ist für Ksenia und Wadim „ein Lebensgefühl“. „Ich entwickle mich selbst, erweitere meine Grenzen“, schwärmt Wadim. „Das ist mehr als Tanz“. Groß, sportlich und reich an Muskeln stürzt er sich wieder aufs Parkett, schwingt in den Handstand, wirft Beine und Arme durcheinander.

„Wir wollen weiterkommen“, erzählt dazu ein anderer Break-Dancer, Artur, mit 26 der älteste in der Runde. Hip Hop sei in den Ghettos der Großstädte entstanden, um jungen Leuten von „ganz unten“ zu zeigen, wie sie Anerkennung bekommen und etwas aus sich machen können.

Deshalb bieten Ksenia, Wadim, Artur und die anderen Hip Hoper von Paldiski den Kindern ihrer Stadt, vor allem denen aus sogenannten schwierigen Familien, Break-Dance Kurse an. „Die Leute kommen, obwohl wir keine Werbung machen“, freut sich Ksenia. Inwischen haben die drei die Estonian Hip Hop Federation, den Estnischen Hip Hop Verband gegründet. Ihr Ziel: „Gewinnen, was man gewinnen kann, Wettbewerbe, Meisterschaften“

Text und Fotos: Robert B. Fishman



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